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Tagesspiegel Leute Newsletter Friedrichshain-Kreuzberg

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Anekdoten aus der Fidicinstraße: Der Journalist Michael Schmuck macht dort auf einer Holzbank seine Kaffeepausen und erfährt nebenbei Geschichten von vorbeikommenden Menschen – die „offenen Bankgeheimnisse“. Hier erzählt er zwei davon.

Lockdown greift Lunge an

Ein regelmäßiger Passant ist der Drahtige. Er kommt etwa jede Woche an der Bank vorbei, auf dem Weg zum Fitness-Studio. Er ist – so behauptet er jedenfalls – schon 76. Mehr als 65 würde man ihm allerdings nicht geben. Dass der Drahtige regelmäßig Sport treibt, das ist ihm anzusehen. Etwa einsachtzig groß, wacher Blick aus jungen, blauen Augen, klare Stimme, vier-Tage-Bart, blaue Baseball-Kappe auf noch fast vollem braunen Haar, Sportschuhe und recht schlank – aber nicht mehr so schlank wie vor zwei Monaten.

Zurzeit, in der Corona-Ära, geht es ihm nicht so gut. Seine Lungenkrankheit COPD hat sich bemerkbar gemacht, ihm fehlt seit dem Lockdown das Fitnessstudio. Corona hat bei ihm, dem Lungenkranken, also auf ganz andere Weise zugeschlagen. „Viele sterben doch nun auch, weil sie zuhause rumsitzen. Am Nixtun.“ Ob das nun statistisch so belegbar ist, sollen dann mal die klugen Köpfe beratschlagen – der Drahtige hat das jedenfalls für sich ganz persönlich so bemerkt.

Das Drahtige, das hat er wohl von seiner Mutter geerbt. Sie habe damals die Republik mit aufgebaut, erzählt er stolz. Backsteine habe sie geputzt, Trümmerfrau beim Bau des ersten Pflegewohnheims in der Fidicinstraße in den 50ern und beim Bau eines Eckhaues Friesenstraße/Bergmannstraße. „Ohne meine Mutter und die anderen Frauen hätten wir das alles nicht geschafft damals. Die Frauen, die waren das!“ Der Sohn dieser Trümmerfrau wurde dann selbst Maurer – ein Zupacker.

Nachdenklich macht er einen Schlenker zurück zu Corona und dabei gleich einen Abstecher in die USA: „Was sind das für blöde Zeiten. Corona und dann das jetzt in Amerika mit den Unruhen wegen Polizeigewalt. Warum sind die da bloß so, was haben die da nur mit den Schwarzen? Schlimme Zeiten. Bei Corona müssten doch alle zusammenhalten. So wie die Frauen damals. Aber was rede ich von den USA, bei uns gibt es ja auch diese Idioten.“ Dann geht der Drahtige weiter zum Fitnessstudio – nicht, um zu trainieren, sondern nur, um seinen Beitrag zu bezahlen.

Stuttgarter-Treffen auf Kreuzberger Bank

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Eine Stuttgarterin ruht sich auf der Bank aus. Sie kommt, genauer gesagt, aus Schwäbisch-Gmünd, wohnt erst seit kurzem in der Fidicinstraße und ist über einen Wohnungstausch an eine der begehrten Wohnungen hier gekommen. Die Stuttgarterin ist wohl so Ende 20, Sonderpädagogin und arbeitet in Teltow. In Teltow, weil sie mit ihrem badenwürttembergischen Abschluss nicht in Berlin arbeiten darf. Für Brandenburg ist der Abschluss aber „gut genug“. Offenbar stellen Berliner Schüler und Schülerinnen spezielle Anforderungen an Sonderpädagogen.

Als die Stuttgarterin von ihrer Herkunft erzählt, melden sich von der Bank nebenan zwei Jungs, vielleicht so 14 Jahre alt: „Hallo, wir sind auch aus Stuttgart, zu Besuch in Berlin.“ (Hier muss wohl gesagt werden, dass es zwei Kommunikations-Bänke gleicher Bauart gibt.) Auf die Frage, wie denn Berlin für sie so sei, antwortet einer, der Geschniegeltere der beiden Heringe: „Dreckig ist es hier. Meine neuen Schuhe waren an den Sohlen ganz schnell dreckig hier in Berlin, konnte sie gar nicht mehr anziehen. In Stuttgart passiert das nicht.“ Tja, Berlin ist eben stellenweise ein schmutziges Pflaster. Andere Jungs fühlen sich genau deshalb hier wohl und lieben es, wenn Kreuzberger Dreck an ihren Schuhen klebt.

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Foto: Sönke Tollkühn

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