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Misophonie: Geräusche können Aggressionen auslösen - bildderfrau.de

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Jeder ist mal akustisch genervt von den lieben Mitmenschen, seien es Teenager mit extralauter Musik in der Bahn oder Kolleginnen und Kollegen, die scheinbar ihre Tastatur verprügeln... Das ist normal, schließlich sind wir täglich unzähligen Lärmreizen ausgesetzt, die unser Gehör strapazieren. Allerdings gibt es Menschen, für die manche Geräusche schier unerträglich sind, Ekel und blinde Wut auslösen, in Extremfällen sogar aggressive Übergriffe auf die Verursacher. Dahinter könnte eine unbekannte Erkrankung stecken: Misophonie.

Misophonie: Wenn Geräusche Aggressionen auslösen

Höchstwahrscheinlich steckt dahinter Misophonie, eine Störung, die viele für ein Problem mit dem Gehör halten. Auch der Duisburger HNO-Arzt und Tinnitus-Spezialist Dr. Uso Walter hat regelmäßig mit Misophonie-Betroffenen zu tun: "In die HNO-Praxis kommen zum Beispiel immer wieder Patienten, die sich beklagen, dass ihr Nachbar jeden Abend, wenn sie schlafen wollen, stundenlang duscht. Das Geräusch mache sie verrückt und sie überlegten sogar, deswegen umzuziehen. Natürlich, nüchtern betrachtet, eine völlige Überreaktion. Bekannt sind auch Fälle, in denen Menschen die Kau- und Schluckgeräusche ihrer Angehörigen nicht ertragen und deswegen vermeiden, mit ihnen zusammen zu essen. Was das für den Familienfrieden bedeutet, ist gut vorstellbar. Solchen Patientinnen und Patienten muss man tatsächlich schnell helfen, damit ihr Leben nicht aus dem Ruder gerät."

Was den krankhaften Geräuschhass ausmacht, wie er entsteht und wie er verlernt werden kann, erklärt Dr. Walter in seinem Buch "Zu viel um die Ohren – wie Stress das Hören verändert" (Ecowin Verlag). Mehr Infos finden Sie hier.

Lärmhass oder Geräuschempfindlichkeit? Das ist Misophonie

Der Begriff Misophonie kommt aus dem Altgriechischen und setzt sich aus misos = Hass und phone = Geräusch zusammen, bedeutet also Hass auf Geräusche. Dabei handelt es sich nicht um eine Erkrankung der Ohren und auch keine eigenständige medizinische Diagnose, erst 2001 wurde Misophonie überhaupt als Phänomen wissenschaftlich beschrieben. Allerdings ist unstrittig, dass Misophonie existiert und das Leben Betroffener zum Teil stark einschränkt. Es sind bestimmte Geräusche – individuell unterschiedliche für jede:n Betroffene:n – die eine starke emotionale Reaktion mit Aggressionen und / oder Ekel auslösen, vor allem gegenüber den Verursachern. Generell können alle Geräusche zum Auslöser werden, überwiegend sind es aber diejenigen, die von Menschen ausgehen. Laut der "Deutschen Misophonie Hilfe" sind besonders typische Trigger Geräusche, die durch Essen verursacht werden, Atem- und Nasengeräusche und Tastaturtippen oder Klicken eines Stiftes.

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Bestimmte Geräusche lösen einen Kampf-Modus aus

Misophonie wird oft mit anderen Hörstörungen verwechselt, bei denen Menschen auch stark auf Geräusche reagieren, beispielsweise Hyperakusis und Phonophobie. Während es sich bei der Hyperakusis um eine Überempfindlichkeit gegen alle Geräusche handelt, die oft auch organisch bedingt ist, beispielsweise durch Krankheiten des Innenohrs wie ein Hörsturz, reagieren Patientinnen und Patienten mit Phonophobie und Misophonie nur auf bestimmte Geräusche. Bei der Phonophobie (griechisch: Angst vor Geräuschen) steht dabei das ängstliche Vermeiden der gefürchteten Geräusche im Vordergrund. Bei der Misophonie ist die aggressive Reaktion dominant. Letztlich handelt es sich in beiden Fällen um eine starke emotionale Stressreaktion, die den Fight / Flight – Modus aktiviert, also bei der der Körper automatisch in einen Kampf- oder Fluchtmodus versetzt wird. Die Phonophobie entspricht dabei der Flucht-Reaktion, die Misophonie der Kampf-Reaktion.

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Unterschiede zu anderen psychischen Störungen

Wegen der extremen emotionalen Reaktion wird Misophonie auch öfter mit psychischen Krankheiten in Verbindung gebracht, beispielsweise Phobien, einer Zwangsstörung oder einer posttraumatische Belastungsstörung – dafür sind diese 3 Symptome typisch. Der niederländische Psychiater Damiaan Denys von der Freien Universität Amsterdam behandelt Menschen mit Misophonie und konnte folgende Unterschiede herausarbeiten:

Woher kommt die Misophonie?

Es liegt nicht an den Geräuschen an sich, sondern an ihrer (unterbewussten) Bewertung, ob Misophonie auftritt. "Häufig liegen negative Einstellungen, schlechte Erfahrungen oder Überforderungssituationen vor. Die Verknüpfung negativ bewerteter Situationen mit bestimmten Geräuschen führt langfristig zu einer klassischen Konditionierung", so Dr. Walter. Er verweist auf das berühmte Beispiel des "Pawlowschen Hundes", ein Versuch des russischen Forschers Iwan Petrowitsch Pawlow, der damit nachwies, wie klassische Konditionierung abläuft und dafür den Nobelpreis erhielt. Dabei wurden Hunde erst immer dann gefüttert, wenn gleichzeitig ein Glöckchen klingelte. Ließ man nach einigen Fütterungen nur noch das Glöckchen ertönen, ohne jedoch Futter zu reichen, zeigte sich, dass die Hunde trotzdem so reagierten, wie sie es gelernt hatten. Ihr Speichelfluss wurde stärker, um sich auf das Fressen vorzubereiten, obwohl überhaupt kein Futter vor ihnen stand. Ihr Gehirn verknüpfte also automatisch den akustischen Reiz mit einer bestimmten Erfahrung. So funktioniert auch Misophonie.

Dr. Walters Beispiel: "Eine Sportlehrerin beispielsweise, die mit einer besonders lauten Klasse ihre Schwierigkeiten hat, kann eine echte Aversion gegen den Lärm in der Sporthalle entwickeln. Der Stress durch die Unterrichtssituation verknüpft sich unterbewusst mit der Abneigung gegen den als zunehmend laut empfundenen Krach. Verstärkt wird das Ganze noch durch das Gefühl, dieser Situation machtlos ausgeliefert zu sein. Sie muss ja unterrichten. Das kann in Einzelfällen so weit gehen, dass sie sich nicht mehr in der Lage sieht, als Lehrerin zu arbeiten."

Falsche Verknüpfung? Misophonie zeigt sich im Gehirn

Tatsächlich zeigt sich die Stressreaktion von Misophonie-Patient:innen auch in bildgebenden Verfahren des Gehirns. Der Neurowissenschaftler Sukhbinder Kumar von der britischen Universität Newcastle untersuchte die Hirnaktivität von 20 Betroffenen mithilfe der funktionellen Kernspintomographie (fMRT). Ihnen wurden ihre jeweiligen Auslöser-Geräusche vorgespielt und dabei die Reaktionen in den verschiedenen Gehirnbereichen beobachtet. Unter anderem zeigte sich, dass bei Misophonie-Patient:innen die vordere Inselrinde im Gehirn aktiviert wird. Diese Region fungiert als eine Art Schaltstation, die Sinneseindrücke mit Emotionen verknüpft. Von der Inselrinde zeigten sich Verbindungen zur Amygdala – ein Bereich zur Verarbeitung von Gefühlen – und zum hinteren Gyrus cinguli – eine Hirnregion, die eine Verknüpfung zum Gedächtnis herstellt. Außerdem war der Hippocampus beteiligt, ein Bereich des Gehirns, der darüber entscheidet, welche Inhalte als Erinnerungen gespeichert werden sollen und welche nicht. Bei Misohphonie sind als die Hirnzentren für Emotionen und Erinnerungen besonders aktiv und verschaltet. Forschungsleiter Kumar hält es sogar für möglich, dass die Gehirne der Betroffenen auch organisch verändert sind. Allerdings kann man das nicht durch das MRT oder andere bildgebende Verfahren erkennen.

Besonders verzwickt ist bei der Misophonie, dass die emotionale Reaktion auf ein Geräusch sich regelrecht ins Gedächtnis einbrennt und selbst verstärkt. Die aktivierte Inselrinde im Gehirn bewertet nämlich auch Signale wie den Herzschlag, die vom Körper selbst ausgehen. Eine solche gesteigerte Selbstwahrnehmung zeigte sich auch bei den Misophonie-Patient:innen. Wenn die starke körperliche Reaktion wiederum vom Gehirn selbst wahrgenommen wird, speichert es den Auslöser als besonders wichtig ab. In der Hörverarbeitung wird das Geräusch dadurch verstärkt und noch lauter und präsenter wahrgenommen werden – ein Teufelskreis.

Hilfe bei Misophonie: Psychotherapie und Hörtraining

Der HNO-Experte rät zur Behandlug der Misophonie zu einer Kombination aus Hörtraining, Stressreduktion und Verhaltenstherapie. Denn nicht das Gehör ist das Problem, sondern die psychische Verarbeitung des Gehörten. Die Betroffenen müssen die eigentlichen Stressfaktoren erkennen und ihre eigenen negativen inneren Einstellungen reflektieren. "Voraussetzung hierfür ist allerdings das Problembewusstsein des Betroffenen. Er muss einsehen, dass nicht der duschende Nachbar oder die essende Ehefrau das Problem ist, sondern er selbst. Diese Gespräche sind in der Praxis nicht so einfach. Oft fehlt die Krankheitseinsicht bei den Patienten. Für sie ist das Geräusch das Problem und nicht ihre innere Einstellung", so Dr. Walters Erfahrung.

Ein Psychologie erklärt: Wann ist eine Psychotherapie sinnvoll? Neben der psychotherapeutischen Behandlung kann Misophonie im HNO-Bereich durch Hörtraining gelindert werden. Es geht vor allem darum, die übertriebene Empfindlichkeit gegen das eine spezielle Geräusch herunterzuregulieren, also eine Toleranz zu erreichen. Im Beispiel der Sportlehrerin könnte das bedeuten, dass sie sich die Geräusche einer lauten Sporthalle zu Hause in entspannter Umgebung und zunächst sehr leise als Sounddatei anhört. "Durch die Abwesenheit der Klasse, die geringe Lautstärke und die Möglichkeit, den Ton jederzeit abstellen zu können, entwickeln sich deutlich weniger Stressreaktionen. Im weiteren Verlauf könnte sie dann die Lautstärke steigern und sich dann Schritt für Schritt auch realen Situationen aussetzen, beispielsweise in einer anderen Sporthalle, in der man selbst keinen Unterricht geben muss", erklärt Dr. Walter ein mögliches Vorgehen. Durch diese Art des Hörtrainings wird die Verarbeitung des Stress auslösenden Geräusches nach und nach vom Stresssystem im Gehirn wieder abgekoppelt.

Bin ich nur hellhörig oder habe ich Misophonie? Diese Tests gibt es

Spezielle "Hass-Geräusche" haben wohl die meisten Menschen, der einen tut Quietschen fast körperlich weh, der andere erträgt Rascheln schwer – allerdings ist das nicht automatisch krankheitswertig. Ob eine Störung wie Misophonie vorliegt, hängt viel davon ab, wie hoch der Leidensdruck bei den Betroffenen ist und wie sehr sie der Geräuschhass und Vermeidungsstrategien im Alltag einschränken. Noch gibt es wenige Standard-Tests um Misophonie festzustellen, doch sie wird immer mehr erforscht. Die "Deutsche Misophonie Hilfe" verweist auf diese wissenschaftlichen (englischsprachigen) Fragebögen, um das Ausmaß einer Misophonie zu bestimmen:

Die "Deutsche Misophonie Hilfe" bietet als Selbsthilfeverein die Möglichkeit sich mit anderen Betroffenen zu vernetzen und auszutauschen.

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Wenn Sie Ihren eigenen Puls im Ohr hören, kann das ganz schön nervig sein. Tritt das Problem öfter auf, sollten Sie es untersuchen lassen. Wie gefährlich ist es, wenn Sie Ihren eigenen Herzschlag hören?

Lärm kann auf Dauer wirklich krank machen. Ob der Nachbar zu lange duscht oder der Partner in der Nacht schnarcht – es muss schnell eine Lösung her. Ohrenstöpsel sind die Retter in der Not für erholsame Nächte. Doch der tägliche Gebrauch birgt Risiken. Was Sie über die richtige Anwendung von Ohrenstöpseln wissen müssen.

Auch ein Waldspaziergang kann Balsam für Seele und Körper sein. Die Ruhe und die frische Luft bieten eine schöne Abwechslung zum chaotischen Alltag. Also, Schuhe an und ab in den Wald: So gesund ist ein Waldspaziergang!

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Wenn der Stress in unserem Alltag überhand nimmt, können wir mit gezielten Entspannungsübungen wieder zur Ruhe kommen.

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